David Johannes BACHMANN (GYM 1987) - österr. Wirtschaftsdelegierter in Tripolis

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David Johannes Bachmann (GYM 1987) ist seit Herbst 2007 als österreichischer Wirtschaftsdelegierter in Tripolis tätig. Zu seiner Arbeit und seinem Einsatz während der Revolution berichtet er:

Ich kam genau zur richtigen Zeit nach Libyen, denn seit 2006 hat sich Muamar Gadaffi bemüht, einen Platz in der internationalen
Gemeinschaft zu erhalten: Der Aufschwung war überall zu sehen,
zuletzt war die Skyline Tripolis von Baukränen übersäht. Meine Arbeit besteht darin, österreichischen Wirtschaftstreibenden
den Einstieg in den Markt zu erleichtern, Chancen aufzuzeigen, die richtigen Partner zu finden und bei Problemen zu helfen. In Libyen galt es, die positive Stimmung und Geschäftschancen
nach Österreich zu transportieren und Firmen die Einstiegsangst von einem bis dato relativ unbekannten Markt zu nehmen Die Arbeit der letzten 3 1/2 Jahre war herausfordernd, spannend, aber auch mit großen Verzichten im privaten und sozialen
Bereichen verbunden. Wenn man aus Europa kam, brauchte man jedesmal ein paar Tage um in Libyen „einzutauchen“: Keine Kinos, Bars, Theater, etc. Der Reiseführer „Lonely Planet“ hat in
seinem Libyen Buch unter „Nightlife“ geschrieben: „There is none“. Auch die Wochenendgestaltung hat immer viel
Kreativität benötigt – das beste war immer noch mit der Familie und Freunden an einen der vielen wunderschönen Mittelmeerstrände zu fahren, dort seinen Sonnenschirm und das Handtuch auszupacken und einfach nichts zu tun.

LIBYEN_220 Die Umstürze in Tunesien und Ägypten haben bereits im Januar einige Analysten mutmaßen lassen, Libyen stehe als nächstes Land an der Reihe. Darin waren sich allerdings alle Ausländer in Libyen einig - die Libyer ohnehin: Gadaffi hat das Land fest in seiner Hand, eine Revolution wird sicherlich nicht stattfinden. Wir wurden am 17.Februar (Tag des Zorns) alle Lügen gestraft, als im ganzen Land Unruhen ausbrachen – am heftigsten im Osten des Landes (Benghazi). Gadaffi hat dies scheinbar auch am falschen Fuß erwischt, denn ansonsten hätte sich der Osten nicht so rasch lossagen können. Der sehr starke militärische Apparat der Regierung wurde erst Ende Februar mobilisiert, als die Aufständischen bereits voll in Fahrt waren.  bachmann-BEDUINE_220
Als auch in Tripolis scharf geschossen wurde, begann man den Ernst der Lage zu erkennen. Muammar Gadaffis ließ keinen Zweifel mehr offen, dass schlimmere Zeiten bevorstanden. Libyen ist auf den Zug der Demokratisierungswelle aufgesprungen. Alle Ausländer reisten Hals über Kopf ab, es kam zum Chaos am Flughafen mit dutzenden Evakuierungsflügen und einem
Massenexodus. Ein österreichisches Krisenunterstützungsteam, in das ich integriert wurde, half bei der Evakuierung der Österreicher. Ich fuhr am 21. Februar mit einem Konvoi von Österreichern durch Rebellengebiet an die tunesische Grenze. In den letzten drei Monaten hat sich die Lage sowohl politisch als auch militärisch stark gewandelt:

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Kaum jemand glaubt mehr daran, dass sich Gadaffi halten kann. Es ist nicht mehr eine Frage ob, sondern wann die Zeit nach ihm
kommen wird. Auch die Hochburg Gadaffis, Tripolis, beginnt zu bröckeln. Libyen war vor dem Bürgerkrieg das reichste Land Afrikas: Ein Bruttoinlandsprodukt/Kopf das höher war als manches EU Land. Mit ca. 4 Milliarden Barrel hat man die höchsten bestätigten Ölreserven auf dem Kontinent. Letzteres ist auch ein Hoffnungsschimmer auf dem Horizont für die Zeit danach: Die Erdölreserven sind nach wie vor vorhanden und die Förderanlagen sind zum großen Teil intakt. Darüberhinaus hat Libyen in den letzten Jahren weltweit ca. 150 Milliarden Euro Vermögenswerte angesammelt – heute zum größten Teil eingefroren. Diese Gelder werden beim Wiederaufbau des Landes eine wichtige Rolle spielen und lassen hoffen, dass es rasch wieder aufwärts geht. An die geäußerte Befürchtung, dass sich islamistische und fundamen-talistische Kräfte breit machen, oder sich die Stämme nicht einigen können, glaube ich nicht. Alle hoffen auf ein baldiges Ende des militärischen Konflikts. Niemand will ein geteiltes Libyen. Trotz einer langen Stammeskultur, sehen sich Libyer als ein Volk. Ein Volk, das an eine gemeinsame große Zukunft glaubt und hofft.